Die Zigarre, ein Phallussymbol? Das fragte mich 1995 auch Arabella Kiesbauer. Sie hatte mich als Mitgründer von "Cigar, dem europäischen Cigarrenmagazin" zu einer Gesprächsrunde nach München in ihre "Late Night Show" auf Pro 7 eingeladen. Frisch und unverdorben erklärte ich am Anfang der Sendung: Wenn die Zigarre ein Phallussymbol ist, was ist mit Bratwurst, Banane und Gurke? Na also. Doch dann passierte es: Arabella streichelte mir während der Sendung über meinen linken Oberschenkel. So war ich am Ende der Show etwas verunsichert: Die Zigarre vielleicht doch ein Phallussymbol?
Warum ich mich gerade heute an Clinton, Freud und Kiesbauer erinnere? Schuld hat das Buch "Wertes Fräulein, was kosten Sie? Prostitution in Zürich 1875-1925", das von Regula Bochsler, Philipp Sarasin und Patrick Kury herausgegeben wurde. Da ist zu lesen: "Die Zigarreusen. Ein Stück Prostitutionsgeschichte." War die einst prüde Zwinglistadt vielleicht schuld, dass die Zigarre zum Phallussymbol wurde?
Um 1900 war es keineswegs ungewöhnlich, dass ein Mann in einem Zürcher Tabakladen von der Verkäuferin nicht nur kubanische Puros angeboten bekam: "Viele kleine Läden in den engen Gassen des Niederdorfs, in Aussersihl und im Industriequartier dienten in Tat und Wahrheit der Prostitution."
Dazu geführt hatte 1898 eine Gesetzesänderung, die dafür sorgte, das alle Bordelle der Stadt geschlossen werden mussten. Also suchten die Prostitutierten nach neuen Möglichkeiten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Weil für den Betrieb eines Tabakgeschäfts kein Gewerbeschein nötig war, konnte die Gewerbepolizei den Zigarreusen ihre Läden nicht einfach wegnehmen. Straftatbestände waren nur das Anwerben, die Vermittlung (Kuppelei), das Erregen öffentlichen Ärgernisses und die Anlockung zur Unzucht. Als sich die Beschwerden der Bevölkerung im Herbst 1913 häuften, gerieten die Behörden unter Druck. "Der Gewerbeunzucht dienende Betriebe" seien für die Quartiere eine Plage. Wie selbstbewusst die Zigarreusen in dieser Streiterei auftraten, bewiesen sie mit einer Klage, die bis ans Bundesgericht weitergezogen wurde. Doch nachdem auch der zweite Rekurs der Zigarreusen abgewiesen worden war, wurden 1914 alle Zigarrenläden endgültig geschlossen, wo «bekanntermassen Unzucht betrieben wurde». Das Buch "Wertes Fräulein, was kosten Sie?" ist Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Museum Bärengasse in Zürich, die dort noch bis zum 11. Juli zu sehen ist. Könnte auch Bill Clinton interessieren.
Diese "Fumoir"-Kolumne von mir ist am 29. April 2004 bereits in der "Sonntags-Zeitung" erschienen.
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